Reise des nordrhein-westfälischen Innenminister a.D. Herr Dr. Herbert Schnoor in die Südost-Türkei 1998 – Teil I

Dr. Herbert Schnoor

Dr. Herbert Schnoor

Vom 1. bis 7. Mai 1989 reiste der nordrhein-westfälische Innen­minister Dr. Herbert Schnoor in die türkischen Provinzen Maidin und Siirt. um eigene Eindrücke über die Lebensbedingungen der religiösen Minderheiten der Jeziden und der syrisch-ortho­doxen Christen in ihren ange­stammten Siedlungsgebieten zu sammeln. Minister Dr. Schnoor wurde auf seiner Reise von zwei Sachverständigen für die­sen Raum begleitet, dem Reli­gionswissenschaftler Professor Dr. Dr. Gernot Wiessner von der Universität Göttingen, und von Herrn Alexander Sternberg- Spohr, Nahost-Referent der Ge­sellschaft für bedrohte Völker.

Als Dolmetscherin gehörte der Reisegruppe Frau Wiessner an. Frau Wiessner ist Turkolo­gin und beherrscht die türkische Sprache fließend in Wort und Schrift. Professor Wiessner be­herrscht die türkische und kur­dische Sprache in der Schrift. Herr Sternberg-Spohr hat bei langjährigen Aufenthalten unter moslemischen und jezidischen Kurden sowie bei aramäischen Christen deren Sprache erlernt.

Aus dem Innenministerium des Landes Nordrhein-Westfalen wurde Herr Minister Dr. Schnoor von dem zuständigen Abtei­lungsleiter, Herrn Ltd. Ministe­rialrat Engel, sowie von Herrn Oberregierungsrat Düren aus seinem Persönlichen Referat begleitet.

Herr Professor Dr. Dr. Wiess­ner und Frau Wiessner waren bereits am 26. April 1989 aus Deutschland abgereist und ei­nen Tag später in Diyarbakir eingetroffen. Dort mieteten sie für die gesamte Reisegruppe einen Kleinbus und fuhren nach Midyat in der Provinz Mardin. Professor Wiessner betreibt in Midyat und Umgebung seit mehr als 17 Jahren archäolo­gische und religionsgeschicht­liche Forschungen. Er ist daher in Midyat den örtlichen Behör­den bekannt. Er kündigte das Eintreffen von Herrn Minister Dr. Schnoor und seiner Begleitung beim Militärkommandanten für den Landkreis Midyat an, eben­so beim Direktor der Sicher­heitspolizei (Emniyet) und beim Landrat (Kaimakam).

Unabhängig hiervon hatte Mi­nister Dr. Schnoor seine Reise mit dem Auswärtigen Amt und mit der Deutschen Botschaft in Ankara abgestimmt. Er traf am Abend des 1. Mai 1989 mit den beiden Beamten und Herrn Sternberg-Spohr in Ankara ein.

2. Mai 1989

Am nächsten Morgen traf Mi­nister Dr. Schnoor mit dem Deutschen Botschafter in An­kara, Herrn Dr. Eickhoff, in der Residenz des Botschafters zusammen. Bei diesem Ge­spräch übergab Herr Botschaf­ter Dr. Eickhoff Herrn Minister Dr. Schnoor eine Liste mit Jezi­dendörfern in Ostanatolien, die für einen Besuch im Rahmen der Rundreise in Frage kämen.

Auf der Liste waren jeweils die mutmaßlichen Einwohnerzahlen sowie die Namen von zwei Aus­kunftspersonen vermerkt. Bei diesem Gespräch räumte Herr Botschafter Eickhoff ein, daß die Zahlen, die das Auswärtige Amt in seiner Stellungnahme zur Situation der Jeziden vom Dezember 1988 gemacht hat­te, wohl von etwas zu optimisti­schen Annahmen ausgegangen seien. Er gehe davon aus, daß Istanbul nach wie vor eine re­alistische Fluchtalternative für Jeziden sei. Allerdings dürften dort nicht, wie ursprünglich be­hauptet, ca. 40 000, sondern allenfalls 20 000 Jeziden leben. Darüber hinaus gebe es Jeziden auch in anderen Großstädten der Türkei, insbesondere auch in Diyarbakir, der Hauptstadt der Ostprovinzen. Die Gesamt­zahl der Jeziden in Ostanatolien schätze er noch auf etwa 15 000 Personen. Dies beziehe sich im Wesentlichen auf drei Gebiete, nämlich auf den Raum Midyat, den Raum Besiri und auf den Raum Viransehir. Darüber hi­naus äußerte er die Auffassung, daß eine Rückführung der Jezi­den aus Deutschland wohl nur schwer vorstellbar sei.

Die Auswanderung der Jeziden, so die Auffassung des Botschaf­ters, sei sicher eine Folge sozia­ler Pressionen. Ein Zusammen­hang mit der Auswanderung der syrisch-orthodoxen Christen aus diesem Raum sei mit Sicherheit gegeben. Eine nicht-staatliche Unterdrückung der Jeziden oder auch der Christen sei denkbar. Istanbul sei jedoch eine Alter­native, wie für alle anderen Zu­wanderer aus Anatolien, da die Stadt immerhin schon 6,5 Mio. Menschen aufgenommen habe.

Für die Türken sei ein beson­deres Problem im Verhältnis zur Bundesrepublik die rege Tätigkeit von islamischen Fun­damentalisten, wie zum Beispiel von Cemettin Kaplan, Prediger in Köln. Insbesondere sei es für die Türkei unverständlich, warum die deutschen Behör­den nicht eine Ausweisung oder wenigstens eine Androhung ins Auge fassen würden. Herr Mini­ster Dr. Schnoor legte dar, daß Kaplan in Nordrhein-Westfalen mit einem politischen Tätig­keitsverbot belegt worden sei, und daß seine Internatsschule von den deutschen Behörden in Köln zwangsweise geschlossen worden sei. Er werde allerdings darüber hinaus prüfen, inwie­weit bei Kaplan, der immerhin asylberechtigt sei, eine Auswei­sung aufgrund seiner Aktivitäten angedroht werden könne.

Unmittelbar darauf traf Herr Minister Dr. Schnoor mit dem Staatssekretär im türkischen Innenministerium, Herrn Gönül, zusammen. Herrn Gönül nann­te die Zahl von 50 000 Jeziden, die alleine im Raum Midyat le­ben würden. Insgesamt gebe es auf der Welt ca. 8 Mio. Men­schen dieser Glaubensrichtung. Im türkischen Personalausweis (nüfus cüzdani) sei Islam einge­tragen. Man habe seit einigen Jahren aufgegeben, die einzel­nen Glaubensrichtungen zu un­terscheiden. Von daher könne auch von einer Diskriminierung nicht die Rede sein. Auf ge­naueres Nachfragen von Herrn Minister Dr. Schnoor räumte Herr Gönül ein, daß im Perso­nalausweis jedenfalls nicht die Religionszugehörigkeit „Jezide“ eingetragen werde. Dies werde seit einigen Jahren nicht mehr praktiziert. Allenfalls ältere Je­ziden könnten noch über einen derartigen Ausweis verfügen. In neueren Ausweisen würden drei Kreuze in dieser Spalte ge­macht. Dies bedeute, daß keine Aussage zur Religionszugehö­rigkeit gemacht werde.

Die Jeziden seien in der Ost­türkei auch nicht an Eigentum, Leib oder Leben gefährdet, denn laut der türkischen Verfassung seien diese Dinge unantastbar. Dementsprechend könne es auch keine Beeinträchtigungen geben.

Anschließend flog Minister Dr. Schnoor mit seinen Begleitern nach Diyarbakir, wo er um die Mittagszeit eintraf. Auf dem Flughafen wurde er von dem Stellvertretenden Gouverneur für die türkischen Ostprovinzen unter dem Ausnahmerecht emp­fangen. In diesen Provinzen ist die Befehlsgewalt über Militär, Polizei und Zivilverwaltung in den Händen des Gouverneurs konzentriert.

Auf dem Flughafen fand ein ca. 1stündiges Gespräch zwischen dem Gouverneur und Herrn Mi­nister Dr. Schnoor statt. Inzwi­schen waren auch Herr Profes­sor Wiessner und Frau

Wiessner am Flughafen mit einem Fahrzeug eingetroffen, um die Reisegruppe abzuho­len. Das Gespräch fand in einer freundlichen und unverbind­lichen Atmosphäre statt. Einzel­heiten

über den Anlaß der Reise, näm­lich die Lebensbedingungen der Jeziden in der Osttürkei, wurden nicht angesprochen. Herr Mini­ster Schnoor erklärte auf eine entsprechende Frage, daß er ein festes Reiseprogramm habe und heute Abend noch in Midyat eintreffen müsse. Das Gespräch kam auch auf das Lager für kurdische Flüchtlinge aus dem Irak, das im vergangenen Jahr in Diyarbakir errichtet wurden war. Der Vizegouverneur erklär­te sich auf eine entsprechende Bitte von Herrn Minister Dr. Schnoor bereit, einen Besuch des Flüchtlingslagers für den Tag der Rückreise, nämlich für den 6. Mai 1989, zu organisie­ren. Das Gespräch wurde nach ca. 1 Stunde mit den besten Wünschen für eine angenehme Reise beendet.

Der Vizegouverneur hatte nicht darauf hingewiesen, daß Herr Minister Dr. Schnoor während seines gesamten Aufenthalts in der Osttürkei von Sicherheitspo­lizei begleitet

werden würde. Ab dem Flug­hafen Diyarbakir folgte dem Fahrzeug der Reisegruppe ständig ein PKW, der mit drei Sicherheitspolizisten in Zivil be­setzt worden war. Einer dieser Beamten war mit einer Maschi­nenpistole bewaffnet, die er bei kurzen Aufenthalten auch offen trug. Das Fahrzeug folgte je­weils sehr dicht. Die Sicherheits­polizisten versuchten mehrfach, das Fahrzeug der Reisegruppe in die eine oder andere Richtung zu lenken.

Nach einem kurzen Aufenthalt im Stadtzentrum von Diyarbakir fuhr die Reisegruppe über die Staatsstraße 950 nach Süden in Richtung Mardin. jeweils dicht gefolgt von wenigstens einem Begleitfahrzeug.

Davudi (türkisch: Bagacik)

Bei Cinar verließ die Reisegrup­pe die Staatsstraße und be­suchte ca. 6 km südwestlich das Jezidendorf Davudi. Dieses Dorf war auch in der Aufstellung der Deutschen Botschaft erwähnt. Allerdings unter dem türkischen Namen „Bagacik“.

Der Ort liegt auf einem Hügel, die landwirtschaftlichen Flächen befinden sich um diesen Hügel herum. Das Dorf war zur Hälfte zerstört und zerfallen. Bei eini­gen Häusern waren die Dächer entweder eingestürzt oder zer­stört worden. Das Dorf verfügt über eine Schule. in der ca. 25 Kinder unterrichtet werden. Im Dorf leben noch ca. 5 bis 6 Je­zidenfamilien und inzwischen 20 moslemische Familien. Bis vor einiger Zeit war Davudi nur von Jeziden bewohnt.

Vor einigen Jahren wechselte der örtliche Großgrundbesitzer, mit dem bisher relativ günstige Pachtverträge bestanden hat­ten. Ursprünglich mußten die Jeziden in diesem Dorf nur ca. 50 % der Erträge an den Groß­grundbesitzer (Aga) abführen. Ein neuer Großgrundbesitzer versuchte jedoch systematisch, moslemische Familien ins Dorf zu bringen und verschlechterte entsprechend die Pachtbedin­gungen für die Jeziden. Diese Angaben beruhen im Wesent­lichen auf der Information von Professor Wiessner.

Von der derzeitigen Bevölke­rungssituation im Dorf konnten wir uns selbst überzeugen. Je­ziden und Moslems scheinen keinen Kontakt miteinander zu haben und halten sich jeweils in unterschiedlichen Bereichen des Dorfes auf. Ein intensives Gespräch mit den noch verblie­benden Jeziden war nicht mög­lich, da die Sicherheitsbeamten unmittelbar dabei standen. Erst als ein Jezide hinzukam, der frü­her als Gastarbeiter in Deutsch­land gewesen war, konnte die Unterhaltung auf Deutsch ge­führt werden. was die Sicher­heitspolizisten nicht verstanden.

Dieser Jezide erklärte, daß man so schnell wie möglich nach Deutschland gehen wolle, weil man in diesem Dorf als Jezide nicht mehr leben könne. Die Moslems hätten über Nacht einige Häuser zerstört. Er ver­wies dabei auf die eingestürzten Häuser, die nach dem Zustand der Ruinen erst vor kurzem zer­stört worden sein konnten.

Im Übrigen sprachen wir mit dem Lehrer der dortigen Grund­schule in türkischer Sprache. Er bestätigte, daß es Spannungen zwischen den Jeziden und den Moslems im Dorf gebe, er wollte sich jedoch nicht im Einzelnen dazu äußern.

Während des Aufenthaltes in Davudi konnten wir feststellen, daß ein zweites Fahrzeug mit Sicherheitspolizisten eingesetzt war, die sich zusätzlich zu Fuß von hinten in das Dorf bewegten. Diese Beamten nahmen jedoch keinen direkten Kontakt auf und glaubten sich unbeobachtet. Auf der Weiterfahrt wies Professor Wiessner darauf hin, daß die Be­hauptung nicht stimmen müsse, daß die zusammengestürzten Häuser von Moslems zerstört worden seien. Die Deckenbal­ken seien in dieser Gegend be­sonders teuer. Es sei durchaus vorstellbar, daß auswandernde Jezidi ihre eigenen Deckenbal­ken verkauft hätten, um auch den letzten Wert zu veräußern. Die Reisegruppe kehrte bei Ci­nar wieder auf die Hauptstraße nach Mardin zurück und setzte die Reise bis nach Midyat fort.

An der Grenze zur Provinz Mar­din wurden die Begleitfahrzeuge ausgetauscht. Vor dem Fahr­zeug fuhr ein Streifenwagen, dahinter ein PKW mit zivilen Beamten. Das Blaulicht an bei­den Fahrzeugen wurde erst auf Drängen der Reisegruppe aus­geschaltet.

Minister Dr. Schnoor traf mit seiner Begleitung gegen 19.00 Uhr in Midyat ein. Midyat ist die Hauptstadt des gleichnamigen Landkreises. Die Stadt besteht im Wesentlichen aus zwei ver­schiedenen Teilen, dem ur­sprünglichen Midyat mit seiner frühen mehrheitlich christlichen

Bevölkerung und dem mosle­mischen Estel. Midyat ist das religiöse und wirtschaftliche Zentrum der christlichen Min­derheit in der Südosttürkei und der verkehrsmäßige Mittelpunkt

der Hochebene des Tur Abdin. Diese Hochebene wird im Nor­den durch den Tigris und seine Randgebirge, im Süden durch den Abfall zur syrischen Ebene begrenzt. Der Name der hü­geligen und eingeschnittenen Hochebene bedeutet „Berg der Knechte Gottes“ .

In Midyat leben zwischen 20.000 und 30.000 Einwohner. In den vergangenen Jahren hat sich die Bevölkerungsstruktur im christlichen Teil stark verän­dert. Eine Vielzahl von Christen

ist abgewandert und hat ihre Häuser an nachrückende Mos­lems, insbesondere Kurden, verkauft. Midyat ist nach wie vor ein Zentrum der Silber- und Goldschmiedekunst. Es liegt

ca. 40 km nördlich der syrischen Grenze und 70 km westlich von der irakischen Grenze. Durch Midyat verlaufen die Staatsstra­ßen 380 und 955, über die ein großer Teil der Öltransporte von und nach dem Irak abgewickelt werden. Parallel zu diesen Straßen verläuft auch die tür­kischirakische Ölpipeline. Das Stadtbild von Midyat wird nach wie vor von einigen christlichen Kirchen mit Wehrmauern und deutlich erkennbaren Glocken­türmen beherrscht. Rund um Midyat befinden sich Dörfer von verschiedenen Religions- und Volksgruppen, nämlich von Je­ziden, von Christen, von ara­bischen und kurdischen Mos­lems.

In Midyat wohnten Professor Wiessner und seine Frau bei dem Direktor einer der Grund­schulen, bei dem sie seit vie­len Jahren regelmäßig zu Gast sind. Herr Minister Dr. Schnoor und seine übrigen Begleiter waren in einem einfachen und ortsüblichen Hotel in Midyat untergebracht. Bei der Schlüs­selvergabe an der Rezeption drängte sich ein unbekannter Mann dazwischen und fragte den Hotelinhaber aus. Dieser Mann stellte sich später als Direktor der örtlichen Sicher­heitspolizei in Midyat heraus. Er folgte der Reisegruppe auch spät am Abend zum Essen in ein Restaurant. Dort kam es zu einem deutlichen Wortwechsel, bei dem Frau Wiessner ihm mitteilte, daß Herr Minister Dr. Schnoor eine etwas größere Di­stanz und Diskretion wünsche. Der Beamte war offensichtlich

ungehalten und wies darauf hin, daß er einen verbindlichen Auftrag aus Diyarbakir erhal­ten habe. Während der Nacht patrouillierten Soldaten mit Sturmgewehren in der Nähe des“Hotels.

Fortsetzung folgt…

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