Interview mit Mîr Tahsîn Beg Teil II

Mîr Tashîn Saîd Alî Beg (by JiyanVideo)

Mîr Tashîn Saîd Alî Beg (by JiyanVideo)

Mîr Tahsîn Saîd Alî Beg ist das weltliche Oberhaupt der Esiden und somit auch Fürst des letzten verbliebenen esidischen Fürstentums von Sheikhan-Kurdistan. Er stammt aus der Würdenträgergruppe der Şêxê Şêx Qatanî ab und ist Nachkomme des heiligen Şêxûbekir (Sheikhubekir). Er bekleidet das Amt des Mîr seit 1944 ununterbrochen und ist zugleich auch Vorsitzender des esidischen religiösen Rates (kurd. Civata Ruhanî). Seine Residenz befindet sich in der Stadt Baadre in der Autonomen Region Kurdistan. In der Vergangenheit war der Mîr als oberster Repräsentant des esidischen Volkes immer wieder Ziel von Anschlägen, weswegen er viele Jahre im Exil in Großbritannien lebte, wo er auch die englische Sprache lernte. Unter seiner Amtszeit wurde durch sein Bemühen die esidische Religion in der irakischen Verfassung verankert. 

LD: Eure Hoheit, welchen Wert messen sie der Anerkennung des esidischen Glaubens als Religionsgemeinschaft in Deutschland zu? Was wünschen sie sich von den zwei Dachverbänden der Esiden in Deutschland?

Mîr: In Russland, im Irak und in Georgien ist das Esidentum bereits als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt worden. Wir haben den Wunsch nach einer generellen Anerkennung auch in Brüssel und anderen europäischen Staaten geäußert. Daher wäre sehr wünschenswert, wenn das Esidentum auch in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannt würde. Auch ein esidischer Religionsunterricht an den Schulen sollte angestrebt werden.

Mir war ein einziger und starker Dachverband in Deutschland ein ernstes Anliege, weswegen ich Gespräche mit beiden Dachverbänden (Zentralrat der Yeziden in Deutschland e.V. und Föderation Ezidischer Kurden e.V.; Anm. d. Red.) geführt habe und konkrete Schritte vereinbart wurden. Allerdings musste ich zu meiner Ernüchterung feststellen, dass dies doch ein schwierigeres Unterfangen war als zunächst angenommen. Es ist aber z.B. für die Anerkennung des Esidentums als Religionsgemeinschaft unabdingbar, einen großen gemeinsamen Dachverband zu gründen, der als Stimme aller Esiden in Deutschland wahrgenommen wird.

Ich hatte beide Vertreter der zwei Dachverbände zu Gesprächen bezüglich eines gemeinsamen Dachverbandes zu mir eingeladen. Wir beschlossen bestimmte Punkte einstimmig, die von den Verantwortlichen weiterverfolgt werden sollte. Jedoch wurden die vereinbarten Punkte von Beiden Vertretern nicht umgesetzt. Manchmal bekommt man eben nicht das, was man sich wünscht. Es ist schwierig, wenn keiner der beiden Verbände bereit ist, gewisse Zugeständnisse untereinander zu machen und einen Kompromiss herbeizuführen. Beide beharren auf ihrer Meinung, die weder konstruktiv noch zielführend ist.

LD: Wie stehen Sie zu der Zwangsheirat, die vereinzelt unter Esiden noch praktiziert wird?

Mîr: Die Jugendlichen sollten ihre Eltern stets mit Respekt und großer Wertschätzung entgegnen und die Person heiraten, die sie lieben. Jedoch betone ich hier ausdrücklich, dass in Fällen von Zwangsheirat die Jugendlichen das Recht haben, sich zur Wehr zu setzen und sich Unterstützung bei Beratungsstellen einzuholen sowie staatlichen Institutionen um Hilfe zu bitten. Ich kann diese Art von Heirat nicht tolerieren, es ist eine Sünde. Meine Kinder und Enkel haben alle aus freier Entscheidung und Liebe geheiratet, sich selbstständig für ihren Partner entschieden. Auch wenn die Zwangsheirat zur Seltenheit geworden ist, ist diese selbst bei Einzelfällen abzulehnen. Ich kann es nicht nachvollziehen. Esidische Jugendliche sollten stets aus Liebe zueinander heiraten, einen normale Ehe führen und somit einen esidischen Haushalt gründen. Zwangsehen haben keine Aussicht auf eine langfristige und glückliche Ehe, weshalb sie zum Scheitern verurteilt ist. Es ist absolut nicht akzeptabel.

LD: Vor allem Frauen haben nach einer Scheidung Probleme einen neuen Partner zu finden, mit Kindern ist es noch schwieriger.

Mîr: Eine esidische Frau, deren Ehe nach esidischen Geboten geschieden wurde, kann selbstverständlich wieder heiraten. Natürlich auch eine Frau mit Kindern. Sie kann ebenso weiterhin das Sorgerecht für ihre Kinder ausüben. Sie hat nicht weniger Rechte als ein Mann.

LD: Wird das Kastensystem der Esiden unter den sich verändernden Umständen weiterhin Bestand haben können?

Es ist nicht absehbar, inwiefern das Kastensystem weiterhin Bestand haben wird. Hierrüber muss die esidische Gesellschaft unter Führung des religiösen Rates entscheiden. Wir können nicht in die Zukunft blicken, die Entscheidung liegt jedoch beim esidischen Volk.

LD: Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Esiden?

Mîr: Ich wünsche mir und rufe hiermit alle Esiden dazu auf, die Religion ihrer Vorfahren nicht zu vernachlässigen, sie zu hüten und zu pflegen, sie mit Inhalten zu füllen und lebendig zu halten. Unsere Rituale und Bräuche sollten weiterhin praktiziert und gepflegt werden. Hierzu gehören auch unsere esidischen Werte- und Normvorstellungen. Alle Esiden sollten insbesondere die Bildung als eines der wichtigsten Faktoren für sich wahrnehmen, da gerade wir Esiden in der Vergangenheit nicht die Möglichkeit hatten, in den Genuss von Bildung zu kommen.

Die kurdische Sprache ist eines der wichtigsten Merkmale der esidischen Religion, sie sollte wie ein teurer Schatz gehütet und gelehrt werden. Überall wo die Esiden im Exil leben, sollen sie eine starke und solidarische Gemeinschaft bilden, sich zusammentun und füreinander da sein. Wir können und dürfen keine Unterschiede untereinander machen, auch dürfen sich bestimmte Personen, Personengruppen oder Organisationen nicht abspalten. Nur als Einheit können wir funktionieren und so lebendige Gemeinden bilden.

LD: In Deutschland herrscht Uneinigkeit über die richtige Schreibweise des Namens der Esiden und der esidichen Religionsgemeinschaft. Welche Schreibweise sollten die Esiden bevorzugt wählen?

Mîr: Unser Name ist das kurdische Wort „Êzîdî“, das Esidi ausgesprochen wird.

LD: Welchem Beruf wären Sie gerne nachgegangen, wenn Sie nicht zum Mîr der Esiden ernannt worden wären?

Mîr: Um ehrlich zu sein, habe ich mir hierrüber nie Gedanken gemacht. Ich bin gerne Mîr und diene gerne meinem Volk der Esiden. Ebenso hoffe ich natürlich, dass auch das esidische Volk mit mir zufrieden ist. Es ist nicht immer einfach, aber ich gebe mein Bestes. Ich bin sehr gerne Mîr und könnte mir nichts anderes vorstellen.

LD: In Ihrer langjährigen Laufbahn als Oberhaupt der Esiden haben Sie sehr hohe Persönlichkeiten getroffen. Welche Personen haben Sie unter anderem getroffen und wer ist Ihnen besonders positiv in Erinnerung geblieben?

Mîr: Ich habe sehr viele hohe und wichtige Persönlichkeiten kennenlernen dürfen. Unter anderem den Irakischen Fürsten Faisal II. mit dem ich gut befreundet war. Ebenso lernte ich Mullah Mustafa Barzanî kennen. Auch wenn ich sehr viele Personen getroffen habe und nicht nur eine Person hervorheben möchte, so muss ich doch betonen, dass ich Mullah Mustafa Barzanî als eine herausragende Persönlichkeit wahrgenommen habe.

LD: Haben Sie einen speziellen Qewl, der Ihnen besonders gefällt?

Mîr: Ich liebe und mag alle esidischen Qewls (lacht). Für mich sind alle auf ihre Art sehr besonders und nicht zu vergleichen.

LD: Was halten Sie von esidischen Pilgerstätten in Europa und anderen Orten, an denen Esiden im Exil leben?

Mîr: Ich würde es sehr begrüßen, wenn die esidischen Exilgemeinden regionale esidische Pilgerstätten als Begegnungs- und Zeremoniestätte errichten würden. Das Heiligtum Lalish bleibt jedoch das zentrale und einzige Heiligtum der Esiden und ist demensprechend der höchste Pilgerort für alle Esiden.

LD: Eure Hoheit, wir danken Ihnen im Namen der gesamten Laliş Dialog Redaktion für dieses lange Interview und wünschen Ihnen viele weitere Jahre Gesundheit, Glück und eine glückliche Hand für das esidische Volk. Vielen Dank!

Mîr: Meine Gebete sind mit Euch und ich wünsche euch weiterhin viel Erfolg bei diesem wichtigen Projekt!

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