Interview mit Mîr Tahsîn Beg – Das weltliche Oberhaupt der Esiden

Mîr Tashîn Saîd Alî Beg (by JiyanVideo)

Mîr Tashîn Saîd Alî Beg (by JiyanVideo)

LD: Eure Hoheit, können Sie uns über Ihre Ernennung zum Mîr berichten? Wie lan­ge sind Sie schon das welt­liche Oberhaupt der Esiden?

Mîr: Meine Großmutter, Meyan Xatûn, eine sehr tüch­tige und intellektuelle Frau hat zweimal in der esidischen Historie die Fürstenrolle des Mîr geleitet. Nachdem mein Großvater Alî Beg ums Leben kam und mein Vater zu die­sem Zeitpunkt noch minder­jährig war, übernahm meine Großmutter Meyan Xatûn die weltliche Führungsrolle der esidischen Gemeinschaft. Sie war die erste Ansprech­partnerin sowohl für Ihr eige­nes Volk als auch gegenüber politischen Vertretern ande­rer Volksgruppen.

Mit seinem 18. Lebensjahr übernahm mein Vater Saîd Beg dann offiziell die Wür­de des Mîr und die damit verbundenen Pflichten und Rechte. Meine Großmutter genoss weiterhin große Aner­kennung und Wertschätzung innerhalb der esidischen Gemeinschaft. Sie war darü­ber hinaus auch eine ausge­zeichnete Diplomatin.

Ich bin am 15.08.1933 ge­boren. Mein voller Name lau­tet Mîr Thasîn Saîd Alî Beg. Zu diesem Zeitpunkt war mein Vater, Saîd Beg, noch am Leben. Als mein Vater im Jahr 1944 verstarb, wa­ren alle Esiden der Region und die Stammesältesten auf seiner Trauerfeier anwesend. Aufgrund der Vielzahl der An­wesenden wurde der Wunsch geäußert, die Nachfolge des Mîr zu klären. Hierbei wurde insbesondere dem Wunsch meiner Großmutter Meyan Xatûn große Beachtung und Aufmerksamkeit geschenkt.

Wir waren fünf Brüder, die für die Nachfolge in Frage kamen. Meine älteren Brüder sind Kheyrî und Mîrza sowie meine jüngeren Brüder Jalal und Faruk. Von der großen Mehrheit der Anwesenden wurde der Wunsch geäußert, dass ich der nächste Mîr wer­den sollte. Hiergegen hatten meine älteren Brüder keine Einwände und stellten auch keinerlei Ansprüche. Es war auch der Wunsch meiner Großmutter sodass ich im Jahre 1944 zum Mîr ernannt worden bin. Seit 69 Jahren habe ich dieses Amt inne.

LD: In der Historie war insbesondere der Mîr als weltliches Oberhaupt der Esiden immer wieder Ziel von Mordanschlägen. Vie­le Mîre der Vergangenheit sind ermordet worden. Auch auf Sie wurden meh­rere Anschläge verübt. Lebt man als Mîr daher in ständiger Angst?

Mîr: Angst vor dem Tod habe ich nicht, über den Zeitpunkt entscheidet alleine Gott. Ja, ich war öfters Ziele von Anschlägen. Unter an­derem in den Jahren 1993 und 2003. Diese Anschläge waren nicht gegen meine Person an sich gerichtet son­dern gegen meine Funktion als weltliches Oberhaupt der Esiden. Es waren Anschläge und Angriffe gegen das esidi­sche Volk.

Ich habe mich immer als Interessenvertreter der Esi­den verstanden. Wenn den Esiden Unrecht wiederfuhr, habe ich diese Ungerech­tigkeiten angeprangert. In Konfliktsituationen habe ich mich stets als Schlichter und Brückenbauer für den Dialog empfunden.

Das Jahr 2007 ist eines der schwärzesten Kapitel der jün­geren esidischen Vergangen­heit. In diesem Jahr wurden mehrfach Anschläge gegen die Esiden verübt. In Ain Sifni gab es die ersten Übergriffe auf Esiden. Dabei wurden esidische Gewerbeobjekte, Vereinsgebäude in Brand ge­steckt und auch Häuser wur­den beschossen. Zu diesem Zeitpunkt war ich nicht in der Region und sendete mehrere Botschaften an die Esiden vor Ort. Mir war es wichtig, dass durch die Angriffe auf die Esiden keine Gewaltspi­rale in Gang gesetzt wird und so noch mehr Unschuldige zu Schaden kommen. Ich habe daher die Esiden ange­wiesen, die ebenfalls in Be­sitz von Waffen waren, diese solange nicht einzusetzen, bis die Angreifer versuchen würden ihre Häuser zu stür­men. In dieser Situation ha­ben die Esiden das Recht auf Selbstverteidigung. Mir war es wichtig, dass keine Men­schen ums Leben kommen.

Die Gewalt eskalierte dann schließlich beim Anschlag vom 14.08.2007. In zwei esi­dischen Dörfern kamen bei gezielten

Ministerpräsident Kurdistan Nêçirvan Barzanî (links), Mîr Thasin Beg (rechts) (by AKNews)

Ministerpräsident Kurdistan Nêçirvan Barzanî (links), Mîr Thasin Beg (rechts) (by AKNews)

extremistischen An­schlägen ca. 700 Menschen ums Leben und ca. 1.500 Personen wurden bei die­sen massiven Sprengstoff­anschlägen zum Teil schwer verletzt.

LD: Wie sieht Ihre Arbeit als Mîr aus? Wie setzen Sie die Interessen der esi­dischen Gemeinschaft bei­spielsweise in der Politik durch?

Mîr: Ich möchte hierfür ein exemplarisches Beispiel nen­nen. Als im Jahre 2005 die neue irakische Verfassung ausgearbeitet wurde, habe ich Dilshad Barzanî, der Bru­der des heutigen Präsidenten der Autonome Region Kurdi­stan Mesûd Barzanî, im Po­litbüro der PDK in Berlin per Telefon kontaktiert und um einen Termin gebeten. Bei diesem Treffen wurde ich von Telim Tolan, Chauked­din Issa und meinem Sohn Ziad begleitet. Das Treffen fand in einem Hotel in Berlin statt. Bei diesem Gespräch machte ich in aller Deutlich­keit klar, dass Esiden Kurden sind, die Minderheitsrechte der Esiden jedoch durch die Erwähnung in der neuen ira­kischen Verfassung mit der Nennung verankert werden müssen. Von dieser Position wollte und bin ich kein Stück gewichen. Mir war es wichtig, dass die Esiden in Kurdistan dieselben Rechte wie alle an­deren Minderheiten auch. Ein Kurdistan, das den Schutz der Esiden nicht garantieren kann und die Rechte der Esi­den nicht anerkennt, wäre für Esiden eine nicht hinnehm­bare Heimat.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Mesûd Barzanî in einer Sitzung mit hochrangigen Vertretern des Iraks. Dilshad Barzanî rief seinen Bruder Si­dad Barzanî an und übergab mir anschließend das Tele­fon. Ich erklärte Herrn Sidad Barzanî die Sachlage, der sich in Gegenwart von Herrn Mesûd Barzanî aufhielt. Ich teilte ihm mit, dass unseren Berichten zufolge die Esi­den in der neuen Verfassung nicht als Minderheit genannt werden sollten. Daher bat ich Ihn darum, die Esiden als Minderheit in die neue iraki­sche Verfassung aufzuneh­men. Andernfalls würde dies zur Spaltung führen und sie in Zukunft nicht auf die Unter­stützung der Esiden zählen könnten.

Mesûd Barzanî, der hier­rüber benachrichtig worden ist, ließ mir über Herrn Sidad Barzanî mitteilen, dass er auf die Beachtung der Esiden in der neuen Verfassung beste­hen werde. Auch ließ Mesûd

Barzanî bei dieser Sitzung den irakischen Vertretern mitteilen, dass er die Sitzung ohne

Ergebnis verlassen wür­de, wenn der Forderung der Esiden nicht nachgekommen werde. In der anschließen­den Verfassung wurden dann die Minderheitsrechte der Christen, der Sabäer und der Esiden per Gesetz garantiert.

Mesûd Barzanî ist eine he­rausragende Persönlichkeit der kurdischen Geschichte und voller Heldenmut. Er hat uns Esiden immer unterstützt und uns bei esidischen An­gelegenheiten die Autonomie der Eigenentscheidungen gelassen.

LD: Wie wichtig ist für Sie die Bildung der Esiden und was wünschen Sie sich besonders von den esidi­schen Akademikern? Und auch von der Mehrheit der esidischen Gesellschaft.

Mîr Thasîn Beg besucht die Esiden in Georgien (by Sarhad.ge)

Mîr Thasîn Beg besucht die Esiden in Georgien (by Sarhad.ge)

Mîr: Ich wünsche mir, dass alle Esiden die Wichtigkeit und Notwendigkeit der Bil­dung erkennen und jede Bildungsmöglichkeit in An­spruch nehmen. Wichtig ist auch, dass

sie den direkten Kontakt mit der deutschen Mehrheitsge­sellschaft und anderen EU-Ländern, in denen sie leben, pflegen. Ich bitte hier vor al­lem die Esiden, die deutsche Grundordnung mit all seinen Gesetzen zu achten!

Dabei ist es mir sehr wichtig, dass sie ihre esidischen Wer­te und Normen ebenfalls pfle­gen und schützen. Die Pfle­ge der Muttersprache spielt hierbei eine herausragende Rolle, es darf unter keinen Umständen zum Verlust der Muttersprache kommen. Die Inhalte der Religion sollen gelebt werden und Werte und Normen der esidischen Re­ligion Beachtung finden. Die esidische Religion muss im Gesamten gehütet werden.

Die esidischen Akademiker sollten sich als Mittler zwi­schen der eigenen Gemein­de und der Mehrheitsgesell­schaft verstehen, die für den demokratischen Dialog bei­der Gesellschaften eine Brü­cke bauen. Als intellektuelle Esiden sollen sie für die esi­dischen Interessen auftreten. Hierfür ist eine ehrliche und aufrichtige Arbeit notwendig. Einflüsse und Strömungen, die die esidische Religion ge­fährden, müssen durch einen Konsens gelöst werden. Dies muss immer im Interesse der esidischen Religion gesche­hen. Es gibt gewisse Hand­lungen unter den Esiden, die mir absolut nicht gefallen und die ich kritisieren muss. Unter anderem werden existenziel­le Gebote missachtet. Diese Dinge kann ich nicht guthei­ßen.

Auch gewisse Handlungen in Deutschland, die gegen die gesetzlichen Bestimmun­gen sind, verurteile ich. Über­all wo ich Esiden begegne, versuche ich Ihnen Ratschlä­ge mitzugeben und sie zu be­lehren.

LD: Was ist ihr Wunsch an den Laliş-Dialog?

Mîr: Die Zeitung sollte stets im Dienste des Esidentums stehen. Das Unrecht, das den Esiden in Europa und großenteils im Irak wieder­fährt, sollte in der Zeitung Erwähnung finden. Sie sollte sich als ein wichtiges Sprach­organ der Esiden verstehen. Auch sollte die Zeitung über den esidischen Glauben auf­klären und über Menschen­rechtsverletzungen an den Esiden berichten.

LD: Welche Probleme ha­ben die Esiden aus dem Irak? Herrscht eine gene­relle Abneigung der Mehr­heitsgesellschaft gegen­über den Esiden?

Mîr: Nicht alle Muslime ha­ben Abneigungen gegenüber den Esiden. Es sind die Isla­misten, die zum Beispiel von Esiden geschlachtete Tiere nicht verzehren. Auch von Esiden hergestellte Milchpro­dukte werden nicht gekauft und verzehrt. Besonders die Situation in Duhok ist nicht zufriedenstellend. Es gibt überall gute und schlechte Menschen. Viele Esiden ha­ben sehr gute Beziehungen und Freundschaften zu Mus­limen. Der Extremismus ist das Problem.

LD: Was können die Esi­den in Deutschland für die Esiden aus dem Irak tun?

Mîr: Wenn den Esiden im Irak Unrecht wiederfährt, so ist es wichtig, dass die Esi­den aus ganz Europa ihre Stimme erheben und in poli­tischen Gremien und Vertre­tungen auf diese Missstände hinweisen. Zum Beispiel wie im Fall von Simon, dem ent­führten 11 jährigen esidichen Mädchen aus dem Irak. Im Irak war die Geschlossen­heit unter den Esiden von entscheidender Bedeutung und nur gemeinsam konnten wir handeln, um dieses Prob­lem zu lösen. Unter anderem wurden offen Briefe an Neçir­van Barzanî, dem Minister­präsidenten der Autonomen Region Kurdistan, an den Präsidenten Mesûd Barzanî publiziert und an diese ge­sandt. Wir haben Gesprä­che geführt und viele Esiden organisierten Demonstrati­onen. Daraufhin wurde ich vom Stellvertreter Neçirvans Barzanî kontaktiert, der mir mitteilte, dass die Regional­regierung gehandelt habe und Simon nun in ihrer Obhut sei.

Dem Entführer wird der Pro­zess gemacht und mit einer Strafe belegt werden. Nach meiner Rückkehr in den Irak werde ich mit der Regie­rung zusammentreten, um die gegenwärtige Situation des Mädchens zu erörtern. Aufgrund der verständlichen Skepsis vieler Esiden, ga­rantiere ich hier wieder, dass Simon sich in der Obhut der Regierung befindet.

LD: Wie wichtig ist es, dass die Esiden mit einer Stimme statt mit vielen verschiedenen Organisati­onen und

Mîr Tahsîn Saîd Alî Beg (privat)

Mîr Tahsîn Saîd Alî Beg (privat)

Verbänden spre­chen?

Mîr: Ich wünsche mir, dass bei Ungerechtigkeiten gegen­über Esiden alle politischen und sonstige Differenzen außer Acht gelassen werden und mit einer Stimme gespro­chen wird. Esiden müssen ei­nander solidarisch sein. Wir müssen uns als eine Kraft verstehen. Wenn wir keine Einigkeit unter uns haben, wird uns noch mehr Unrecht wiederfahren.

LD: Wie wichtig ist politi­sche Neutralität?

Mîr: Ich persönlich habe eine neutrale Meinung be­züglich der unterschiedlichen Parteien. Ich kann den Esi­den nicht das Recht auf po­litische Beteiligung in Partei­en verwehren. Jedoch muss gesagt werden, dass einige politische Strömungen und deren Vorhaben für die esidi­sche Gesellschaft schädlich sind. Esiden können und soll­ten sich nicht generell gegen Parteien positionieren, ihnen drohen in diesem Fall gewis­se Probleme. Jeder Eside ist frei in seiner Entscheidung, sich einer Partei anzuschlie­ßen und zu betätigen. Sie können selbst entscheiden, wo sie Mitglied werden.

LD: Besteht die Möglich­keit, dass wieder eine Frau weltliches Oberhaupt der Esiden wird?

Mîr: Von meiner Sei­te spricht nichts dagegen, dass eine Frau die Führung der esidischen Gesellschaft übernimmt. Ich denke jedoch unter der Beachtung der ge­genwärtigen Situation, dass dies in der nächsten Zeit nicht der Fall sein wird. Die esidische Gesellschaft sollte meine Nachfolge selbst ent­scheiden. Meine Großmutter Meyan Xatûn war eine in­telligente Frau und auch die politischen Umstände jener Zeit machten ihre Führung möglich.

LD: Wir wünschen Ihnen ein langes Leben, Eure Ex­zellenz. Viele Esiden fragen sich, wer nach ihrer Amts­zeit der neue Mîr wird. Ha­ben Sie sich persönlich für einen Nachfolger ausge­sprochen?

Mîr Tahsîn Beg mit seiner Großmutter Meyan Xatûn ca. im Jahr 1944| Foto|John S. Guest

Mîr Tahsîn Beg mit seiner Großmutter Meyan Xatûn ca. im Jahr 1944| Foto|John S. Guest

Mîr: Ich persönlich habe in dieser Hinsicht keine Emp­fehlungen gegeben oder eine Entscheidung getroffen. Zurzeit ist mein Sohn Hazîm mein Vertreter. Eine offizielle Ernennung meines Sohnes oder seine Nachfolge zum Mîr ist aber nicht erfolgt. Die­se Entscheidung soll das esi­dische Volk treffen.

LD: Wie bedeutend bzw. notwendig ist die Unter­stützung der EU- und ande­rer Staaten für die Esiden?

Mîr: Generell steht jeder Staat in der Pflicht, die Men­schenrechte auf der gesam­te Welt sicherzustellen und zu gewährleisten. Bei dem Unrecht, das den Esiden wiederfährt, wäre eine Un­terstützung hilfreich. Die Si­tuation der Esiden in Shexan ist recht zufriedenstellend. Im Gegenteil dazu die Lage der Esiden im Sindschar-Gebiet. Hier wünsche ich mir mehr Engagement. Eine bessere Infrastruktur und die damit verbundene bessere Ver­sorgung der Menschen ist notwendig. Seitens der Re­gierung gibt es mittlerweile Programme zum Ausbau der Infrastruktur in den Gebieten, in denen Esiden leben. Für die Restaurierung des religi­ösen Zentrums Laliş wurden 28 Millionen Dollar von der kurdischen Regionalregie­rung bereitgestellt. Im Sind­schar soll eine Universität errichtet werden.

LD: Das Heiligtum Laliş soll restauriert werden. Wie sieht die weitere Vor­gehensweise? Gibt es ein Kontrollgremium oder ähn­liches, was das Vorhaben überwacht und die korrekte Arbeit am Heiligtum sicher­stellen kann?

Mîr: Der Ministerpräsident der kurdischen Regionalre­gierung Neçirvan Barzanî hat für das Projekt die notwendi­gen Mittel zur Verfügung ge­stellt. Die Verwaltungsbehör­de der Stadt Duhok ist für die Überprüfung des Projektes verantwortlich. Wer die kor­rekte Arbeiten am Heiligtum und des Projektes im Gesam­ten leiten wird, ist mir nicht bekannt. Bei Entscheidungen werden aber esidische Archi­tekten, Ingenieure und Bau­planer miteinbezogen. Auch den Restaurierungsauftrag wird die zuständige Behörde ausgeben, da das Geld aus dem Budget der Regierung stammt. Ich wünsche mir, dass die Archäologen und Bau- und Sanierungsexper­ten Laliş in seinen Urzustand versetzen und erneuern. Das eingesetzte Material sollte der Wichtigkeit des Heilig­tums entsprechen.

LD: Kann das Heiligtum nicht als UNESCO-Weltkul­turerbe eingetragen wer­den?

Mîr: Wir haben den Wunsch geäußert und darum gebe­ten, Laliş als Weltkulturerbe einzuschreiben. Eine endgül­tige Entscheidung ist bisher noch nicht getroffen worden. Ich würde es jedoch sehr be­grüßen.

LD: Im letzten Jahr ver­kündeten Sie die Gründung eines esidischen Parla­ments. Was hat es mit die­sem Parlament auf sich?

Mîr: Das Parlament soll ein Beschlussorgan der esidi­schen Gesellschaft werden. Wir möchten, dass es aus den Stammesältesten, den Mitglieder des esidischen religiösen Rates und esidi­schen Akademikern gebildet wird. Dieses Vorhaben habe ich wie erwähnt vor einem Jahr bekanntgegeben. Auf Grund meines Gesundheits­zustandes konnten jedoch keine weiteren Schritte zur Konstituierung unternommen werden. Die Konstituierungs­mitglieder werden aufgrund ihrer regionalen Nähe zu­nächst vor allem Esiden aus dem Irak sein. Beratungen werden aber mit allen Esiden geführt, die hierfür in Frage kommen.

LD: Noch immer wird in der esidischen Gesell­schaft Brautgeld in zum Teil erheblicher Höhe ver­langt. Was möchten Sie den Esiden auf diesem Weg mitteilen?

Der religiöse Rat der Esiden in Amed 2012 mit Mîr Tahsîn Saîd Beg

Der religiöse Rat der Esiden in Amed 2012 mit Mîr Tahsîn Saîd Beg

Mîr: Ich betone nochmals, dass das Brautgeld ein ab­solutes Tabu darstellt. Wenn unbedingt auf Brautgeld be­standen wird, dann muss die Höhe einen symbolischen Wert haben. Im Irak beträgt das Brautgeld nach einem Beschluss des religiösen Ra­tes 75 Gramm Gold. Im Irak orientieren sich die Esiden daher an rund 7.000€ (24K Gold, Anm. d. Red.). Insbe­sondere unsere Çelka-Esi­den erweisen sich in dieser Hinsicht als sehr stur und das finde ich sehr bedauerlich. In jeder Angelegenheit sollte im Sinne der Kinder entschie­den werden. Eine Regulie­rung und Annäherung an meinen Beschluss ist daher wünschenswert. Überhöhte Brautpreisforderungen müs­sen von allen Esiden verur­teilt werden. Ich würde mir von allen Esiden einen sym­bolischen Betrag von 3.000€ wünschen. Nach meiner per­sönlichen Meinung sollte kein Brautgeld verlangt werden, jedoch muss ich unter den gegebenen Umständen re­alistisch bleiben. Leider hat mein Wort bei den Esiden aus Deutschland keine große Bedeutung, weshalb jeder es nach seinen eigenen Vorstel­lungen entscheidet.

LD: Wir beobachten, dass immer mehr Esiden Bezie­hungen mit Nicht-Esiden eingehen und außerhalb ih­rer Gemeinschaft heiraten. Damit verstoßen diese ge­gen ein Gebot der Esiden. Viele von diesen kehren je­doch nach einer gewissen Zeit zurück. Können diese Personen weiterhin als Esi­den betrachtet werden?

Mîr: Erfreut bin ich hierrü­ber nicht. Wir möchten als Volksgruppe weiterhin exis­tieren und hierfür sind unsere Gebote entscheidend. Wenn ein Eside, ob männlich oder weiblich, eine Ehe außerhalb der Gemeinschaft eingeht und in die esidische Gemein­schaft wieder aufgenommen werden will, dann liegt es nicht in meiner Macht über ihn zu urteilen. Die Familie und das esidische Volk muss hierüber eine Entscheidung treffen. Ich werde weder von den betreffenden Personen gefragt, wenn sie gehen und auch nicht, ob ich sie wei­terhin als Esiden akzeptiere, wenn sie zurückkehren. Rich­tig ist es trotzdem nicht und es bleibt eine nach unseren Geboten falsche Handlung. Das Volk muss hierrüber entscheiden. Das Esidentum bleibt das Esidentum, man kann und darf es nicht nach seinen persönlichen Vorstel­lungen und Wünschen mo­dellieren.

LD: Wir erleben oft, dass besonders männliche Esi­den ihre stärkere Stellung in der Gesellschaft aus­nutzen und sich regelrecht „austoben“, während den Mädchen vieles streng un­tersagt wird.

Mîr: Auch dies verurtele ich. Die esidichen Gebote gelten für die Männer ebenso wie für die Frauen. Die Männer haben nicht mehr Rechte und nicht mehr Befugnisse als Frauen. Auch in der Hinsicht bin ich mit den Entwicklun­gen sehr unzufrieden.

Teil zwei des Interviews in der nächsten Ausgabe

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