Interview mit Düzen Tekkal

duezen-allgemeinvon Tahlî Burunacik für Laliș Dialog

LD: Frau Tekkal Sie sind eine erfolgreiche Journalistin und  Autorin, arbeiten seit 2007 bei RTL und haben für ihre Reportage „Angst vor den neuen Nachbarn“ 2010 den Bayerischen Fernsehpreis erhalten. Wie denkt Ihre Familie über Ihre Tätigkeit als Journalistin und dass Sie über heikle Themen wie Zwangsheirat oder auch gescheiterte Integration berichten?

D. Tekkal: Meine Eltern sind stolz auf meine Arbeit, allerdings musste ich meine Eltern für die genannten Themen erst sensibilisieren. Sie sehen die Inhalte halt noch eher als skeptisch an. Meine Mutter akzeptiert zwar meine Tätigkeit, aber bei einigen Themen sagt sie noch “Muss das sein?“. Mein Vater steht zu 100% hinter mir und unterstützt mich emotional.

 

LD: Die mediale Aufmerksamkeit für Themen wie Zwangsheirat, Ehrenmorde, Integration etc. ist sehr hoch. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass solche Themen immer häufiger vorkommen. Wie ist Ihr Eindruck?

D. TekkalEs stimmt! Mein Eindruck ist aber auch, dass diese Themen eher nerven, weil sie eben nur Klischees bedienen. Es wird zu selten von positiven Dingen und Ereignissen der Migranten berichtet. Es ist wichtig die Migranten nicht über Stereotypen zu definiere. Ich habe da eine differenzierte Sichtweise und bin eher multiperspektivisch.

 

LD: Sie haben selbst einen Migrationsvordergrund, wie Sie selbst sagen. Würde Sie daher behaupten, dass Sie grundsätzlich mit den oben genannten Themen anders umgehen als Journalisten ohne einen Migrationshintergrund?

D. TekkalJa, ich gehe in der Tat mit solchen Themen anders um. Von Kollegen bekomme ich auch öfters die Frage gestellt „Düzen, kennst du das? Ist das so in eurem Kulturkreis?“ Für mich sind einige Sachen eben selbstverständlich.

Ich kann jetzt aber nicht sagen, ob ich es besser oder schlechter mache aufgrund von meinem Migrationsvordergrund. Es ist aber auf jeden Fall ein Vorteil, meine Herkunft, die Vertrauensbasis muss ich mir nicht erarbeiten, sie ist von Anfang da allein schon durch meine Sprachkenntnisse (kurdisch und türkisch).

 

LD: Ein Fünftel (19,3%) der Bevölkerung in Deutschland hatte 2010 einen Migrationshintergrund. Das sind immerhin 15,7 Millionen Menschen, die hier in Deutschland leben und arbeiten. Würden Sie behaupten, dass es in heutiger Zeit keine Rolle mehr spielt wo man herkommt sondern vielmehr was man kann und wie man eine Gesellschaft bereichern kann?

D. TekkalZunächst ist es wichtig was man kann, man sollte sich nicht allein auf seinen Hintergrund reduzieren. Es sollte eigentlich keine Rolle spielen wo man herkommt. Ich selbst bin ein Beweis dafür, dass es egal ist wie dein Background ist(bildungsferner Haushalt, meine Mutter Analphabetin, kinderreicher Haushalt etc.). Das alles hat mich nicht gehindert einen guten Abschluss zu machen, zu studieren und meine Karriere zu gestalten, ganz im Gegenteil es hat mich gestärkt, so paradox es klingen mag.

Mir ist aber auch aufgefallen, dass im Hinblick auf die soziale Schicht Migrantenkinder im Vergleich zu deutschen Kindern ein höheres Bestreben haben einen guten Schulabschluss zu erreichen.

Eine Studie der OECD hat allerdings auch herausgefunden, dass Migranten bei gleicher Eignung bei einer Einstellung benachteiligt werden. Es ist daher wichtig die Vorurteile abzubauen, auf beiden Seiten.

 

LD: Wären Sie lieber in einem anderen Land aufgewachsen? Was schätzen Sie und Ihre Familie an der Deutschen Kultur?

D. TekkalNein, ich bin liebe das Land und bin froh, dass ich hier in Deutschland aufgewachsen bin. Fast schon patriotisch lebe ich die deutschen Tugenden wie z.B. Freiheit und Individualität aus. Wenn man zielstrebig ist, bietet dieses Land die besten Aussichten, um sich zu entfalten.

Auch bin ich sehr dankbar erzogen worden und respektiere die Möglichkeiten die einem zur Verfügung stehen.

 

LD: Was machen Sie, wenn Sie mal nicht wieder unterwegs sind um für eine Reportage zu recherchieren?

D. TekkalWenn ich denn mal Freizeit habe, versuche ich diese mit meiner Familie zu gestalten. Es findet sich immer jemand mit dem ich dann irgendwas unternehmen kann. Ich versuche auch mindestens einmal im Monat meine Familie zu sehen. Durch meine Arbeit reduzieren sich die Tage im Jahr in denen ich meine Familie und Freunde sehe und dann vermisse ich sie sehr. Natürlich gehe ich auch gerne Shoppen (lacht) oder auch Essen.

Den Ausgleich zu meinem Job finde ich aber im Joggen, dann komme ich am besten zur Ruhe.

 

LD: Beschreiben Sie Ihre Lebensphilosophie!

D. TekkalWer die Kraft in sich erkennt, kann die Welt verändern!

 

LD: Wie war/ist das Leben mit 10 Geschwistern? Sehen Ihre Geschwister Sie als Vorbild?

D. TekkalGanz ehrlich, es gibt nichts besseres was mich auf das Leben hätte vorbereiten können. Man lernt relativ schnell Verantwortung füreinander zu übernehmen, entwickelt eine gesunde Streitkultur, lernt zu teilen aber auch zu kämpfen und sich durchzusetzen.

Meine Geschwister sind aber auch die besten Kritiker was mich und meinen Job betrifft. Sie beschönigen nichts, sie sind hart aber herzlich.

Und dennoch bin ich für sie ein Vorbild, auch wenn sie es nicht allzu oft sagen, sowas spürt man dann einfach.

 

LD:  Wie standen Ihre Eltern zu Ihrem Berufswunsch, wurde Sie unterstützt oder mussten Sie sich vieles erkämpfen?

D. Tekkal: Beides. Sie haben mich schon sehr unterstützt, besonders mein Vater. Durch ihn hat sich auch mein Berufswunsch entwickelt. Er war immer daran interessiert mir politischen Themen näherzubringen. Ich habe ihm immer aus deutschen und türkischen Zeitungen vorgelesen und wir haben zusammen den Landtag besucht.

Als es dann daran ging für das Studium in eine andere Stadt zu ziehen, waren meine Eltern anfangs nicht begeister, es war alles sehr abstrakt für sie. Dennoch haben sie mich meinen Weg gehen lassen und unterstützen mich mit Herz und Seele, dafür bin ich ihnen jeden Tag dankbar. Berufliche Unterstützung habe ich dann durch Dozenten und Professoren gefunden.

Meine Mentorin in beruflicher Hinsicht ist Birgit Schrowange, sie berät und unterstützt mich sehr und hat Respekt vor meiner Biografie. Das gibt mir Kraft und bestärkt mich in meiner Arbeit.

 

LD: „Wer in zwei Welten zu Hause ist, hat immer eine Heimat“ dieser Spruch ist auf Ihrer Homepage zu lesen. Beschreiben Sie uns doch bitte die zwei Welten und wie definieren Sie persönlich Heimat?

D. TekkalMeine persönliche Definition von Heimat: Da wo ich mich zu Hause fühle ist auch meine Heimat. Meine berufliche Welt ist natürlich die eine Sicht, die andere Sicht ist mein Elternhaus. Da bin ich dann durch und durch kurdisch. Ich spreche dort natürlich auch kurdisch und koche mit meiner Familie. Es kommen Verwandte, man sitzt zusammen und redet. Es ist immer ein schöner Ausgleich zu meinem Beruf.

 

LD: Als Frau, die in zwei Welten zu Hause ist; Was finden sie an sich typisch kurdisch, was typisch deutsch?

D. TekkalGute Frage, eigentlich weiß ich es nicht genau, ich bin weder Deutsch noch Kurdisch, ich bin Düzen. Vielleicht ist ja das kurdische an mir meine aufbrausendes Temperament oder auch mein Optimismus. Bei jedem Projekt denke ich „das wird schon irgendwie werden“ auch wenn ich sehr chaotisch bin, aber am Ende kommt immer was Gutes raus (lacht).

Typisch deutsch bin ich dann wenn ich auf etwas bestehe und es dann so gemacht werden muss, wie ich am besten finde. Bei meinen Reportagen lege ich einen großen Wert auf die Genauigkeit, das wäre dann für mich in etwa typisch deutsch.

 

LD: Sie werden oft als das Gesicht der Yeziden in Deutschland bezeichnet, schmeichelt oder nervt diese Aussage?

D. TekkalAls das Gesicht der Yeziden sehe ich mich nicht. Natürlich fühle ich mich geschmeichelt, wenn ich ein Vorbild für die Jugend sein kann. Aber es lastet dann auch immer ein großer Druck auf einen. Zudem bin ich der Meinung, dass das Yezidentum zum Glück viele positive Charaktere hat. Unter uns sind ja viele Akademiker, Politiker, Ärzte usw. all diese Menschen sind Vorbilder und Gesichtern der Yeziden in Deutschland.

 

LD: In einem Ihrer Vorträge ging es um die yezidische Frau in der modernen Welt die sie kurzerhand zur Frage der modernen Frau in der yezidischen Welt umgestrickt haben. Wo sehen sie heute die moderne Frau in der yezidischen Welt und ist die Gleichberechtigung in großen Teilen erreicht oder gibt es noch viel Handlungsbedarf?

D. TekkalViele yezidische Frauen haben sich mittlerweile etabliert und sind eindeutig die Gewinner in der yezidischen Gesellschaft. Sie müssen sich dennoch doppelt so oft durchsetzen und sind quasi von Natur aus Kämpferinnen. Meine Urgroßmutter väterlicherseits war so eine Kämpferin, sie musste sich in einer patriarchalischen Welt selbst behaupten und hat es geschafft. Noch heute erzählt mein Vater von ihrem unbezwingbaren Willen.

Die Frauen sind zwar den Männern in vielen Bereichen voraus was z.B. Bildung und Karriere angeht, dennoch sehe ich einen Handlungsbedarf.

Viel zu oft wird den Frauen die Schuld gegeben, wenn es z.B. um Eheprobleme geht oder um die Erziehung der Kinder. Diese Probleme zeigen nur zu gut, dass das Rollenverständnis der yezidischen Frauen ambivalent ist.

 

LD: Wo sehen sie den yezidischen Glauben in 50 Jahren?

D. TekkalWenn es uns gelingt in den wichtigen Fragen einen ehrlichen Konsens zu finden, dann wird es auch eine Zukunft für unseren Glauben geben.

Ich würde mir wünsche, dass wir Yeziden den Dialog mit uns selbst führen, die treibende Kraft muss definitiv von der yezidisichen Gesellschaft kommen und nicht von außen.

Viele Fragen drängen sich uns heute schon auf, wir müssen uns den Ängsten stellen und versuchen gemeinsam Lösungen zu finden was z.B. die Heiratsregel betrifft. Es ist eine Schmach, dass im 21. Jahrhundert eine Yezidin oder auch ein Yezide von seiner Familie ausgestoßen wird oder noch schlimmer umgebracht wird.

Als Journalistin bin ich mir bewusst und erlaube mir auch unbequeme Fragen zu stellen, wird dürfen nicht die Probleme schön reden, sondern müssen ehrlich zueinander sein.

 

 

Steckbrief

Name: Düzen Tekkal

Alter: 34 Jahre

Schuhgröße: 39

Größe: 1,73 m

Beruf: Journalistin, Reporterin, Autorin

Ich mag an mir: meine Unbeschwertheit und meinen Optimismus

Ich mag an mir nicht: dass ich chaotisch bin und manchmal auch ungeduldig

Hobbys: Essen und viel mit Familie und Freunden verbringen

Das zuletzt gelesene Buch: Die Boatengs und „Neukölln ist überall“ von Buschkowsky

Lieblingsfilme: Fathi Akin und Feo Aladag Filme, „Aghet-Ein Völkermord“ und „Ein deutscher Boxer“ von Eric Fiedler

Lieblingsmusik: Drake, Cro, 70iger Jahre Musik

Lieblingsessen: kurdische Küche (gefüllte Weinblätter und Paprika) und Königsberger Klopse

Meine größte Angst: dass meinen Liebsten was passieren könnte

Mein größter Wunsch: mit dem was ich mache, weiterhin so glücklich zu sein und das es meinen Liebsten immer gut gehen möge

1 Response for “Interview mit Düzen Tekkal”

  1. EzidiQamischlo sagt:

    Wie stolz ich auf dich bin. Alles Gute!

    Viele Grüße

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