Goodbye Celle and Hello Goshen

Zum Unterricht nach Goshen/Indiana: 18-jähriger Yezide aus Celle vereist für zehn Monate in die USA. Welche Erfahrungen und Erlebnisse er dort macht, schreibt er uns exklusiv in seinem persönlichen Auslandstagebuch.

Serhat

Es ist der 19.09.12, ich sitze bei meinem Friseursalon “Ali“ in Celle und lasse mir meinen Bart rasieren. Eigentlich müsste ich gar nicht hin, aber ich will meinem Friseur  Ramazan „Auf Wiedersehen“ sagen, weil ich das nächste Mal erst in 10 Monaten wieder da bin. In 2 Tagen fliege ich für ganze zehn Monate nach Amerika. Weit weg von meiner Umgebung Celle und meinen vielen Freunden  und rein in eine völlig fremde Welt. Nach meinem Realabschluss wollte ich endlich mal was Neues sehen und entschied mich für ein Auslandsjahr in den USA. Nach langem Suchen, entschied ich mich für die AFS Organisation, die Austauschprogramme für Schüler anbietet.

Ich muss ehrlich gestehen, dass meine Eltern zu Anfang nicht von dieser Idee begeistert waren und mein Vorhaben auch nicht wirklich ernst genommen haben. Sie dachten ich mache nur Spaß und ich würde es nicht durchziehen aber als dann die Zusage kam waren sie dann auch endlich überzeugt und unterstützen mich finanziell.

Einen Tag vor der Abreise, bekam ich Besuch von meiner Familie. Wir haben meinen Abschied in einem kleinen Kreis gefeiert. Ich habe niemandem Bescheid gegeben, weil viele meiner Freunde das schon wussten und von alleine kamen. Die meisten die ich da haben wollte waren auch da. Wir saßen in der Runde und jeder hat Scherze darüber gemacht, dass ich in Amerika gar nicht rein gelassen werde, weil sie aufgrund meines Aussehens mich eher für einen Terroristen halten würden. Selbst mein Vater hat diesen Unsinn geglaubt, deshalb bestand er ausdrücklich darauf, dass ich bevor ich den Flieger einsteige mich nochmal frisch rasieren sollte

Am 21.09.12 war es dann endlich soweit. Um 7 Uhr morgens haben meine Eltern, meine 2 Brüder, 4 Cousins und ein guter Freund  mich zum Flughafen Düsseldorf begleitet. Am Flughafen angekommen wurde ich direkt von den Betreuern der AFS Organisation über den Ablauf der Reise aufgeklärt. Nochmal schnell bei McDonald‘s Kraft tanken und dann wurde es langsam Zeit Richtung Flieger zu gehen. Ein letztes Mal sagte ich „Tschüss“ zu meiner Familie. Es war schon ein komisches Gefühl zu wissen, dass man für ganze zehn Monate, viele Kilometer weit weg ist. Um die Stimmung bisschen aufzulockern, machte mein Cousin einen Witz und sagte: „Bis morgen Serhat du wirst doch eh wieder zurück geschickt“. Alle fingen an zu lachen.

Nach 10 Stunden Flug  bin ich endlich am Flughafen von Chicago angekommen. Als ich durch den Schalter ging, rief ein massiger schlechtgelaunter Amerikaner in Uniform, dass ich mit ihm mitkommen solle. Ich habe gefragt was los sei, doch ich bekam keine Antwort. Er hat mich in einen Raum gebracht wo ungefähr 50 weitere Menschen waren, wovon ungefähr 30 wahrscheinlich illegale Einwanderer aus Mexiko waren. Der Rest sah aus wie ein Haufen „Terroristen“. Dann sind mir die Worte meines Cousins wieder eingefallen. Ich dachte mir nur: „ Mist, war wohl nichts!“ .Nach ungefähr einer Stunde wurde mein Name endlich aufgerufen und ich durfte raus, aber mir wurde bis heute nicht erzählt warum ich da war. Danach bin ich sofort mit dem Bus nach Michigan City gefahren, wo ich abgeholt wurde und die Nacht bei Leuten der AFS Organisation in USA verbracht hatte.

Am nächsten Tag wurde  ich zu meiner Gastfamilie gefahren, die in Goshen (Bundestaat Indiana) lebt. Angekommen dort, wurde ich sehr herzlich empfangen und ich habe mich gleich wohl gefühlt. Meine Gasteltern sind beide um die 35 Jahre alt. Sie haben zwei Söhne, der eine ist 2 Jahre alt und der andere 1 Monat. Die Mutter ist Krankenschwester und der Vater Apotheker. Beide Berufe sind in Amerika sehr angesehen. Die Familie ist sehr religiös und sie gehen regelmäßig in die Kirche. Ich musste Gott sei Dank nicht mit ihnen gehen.

An meine ersten Tage kann ich mich nicht wirklich erinnern, weil ich den schlimmsten Jetlag hatte. Ich war müde und habe oft geschlafen. Das erste Gespräch, an das ich mich erinnern kann ist, als ich nach dem WLAN Passwort gefragt habe. Danach habe ich meine Sachen auf mein Bett geworfen und geschlafen. Mein Zimmer ist ganz einfach eingerichtet. Schreibtisch, begehbarer Kleiderschrank, normaler Schrank und ein großes Bett. Man muss aber noch erwähnen, dass ich auf neun Hektar Grundstück lebe. Hier ist alles riesig und es gibt viel Fläche.  Aber dennoch, habe ich mir Amerika ganz anders vorgestellt, vielleicht lag es daran, dass man in Filmen meistens nur die Großstädte sieht und nicht so eine kleine Stadt wie Goshen, die doch sehr überschaubar ist.

Mein erstes Wochenende habe ich mit meiner Gastfamilie in einem Hotel in Detroit verbracht. Dort war ich auch bei einem Baseballspiel. Danach haben wir ein Restaurant besucht namens Buffalo Wild Wing. Als Vorspeise gab es Nachos, Gemüse und Brot. Ich dachte das wäre eigentlich schon die Hauptspeise, weil es so eine große Portion war aber dann kam das eigentliche Gericht mit 40 Wings auf einen Teller. Ich hatte eigentlich nach der Vorspeise schon keinen Hunger mehr aber musste es essen, weil die total lecker waren.

Wieder in Goshen angekommen, ging alles ziemlich schnell und ich war so langsam in den normalen Alltag integriert. Am Montag war ich in der Schule, die mir auf Anhieb gefallen hat. Das Ganze hat mich an den Film  „High School Musical“ erinnert nur ohne das tanzen und singen. Zu Anfang musste ich mich vor der Klasse vorstellen und ich habe auch erwähnt, dass ich Yezide bin. Meine Klasse hatte vorher von dieser Religion nichts gehört gehabt, deshalb sollte ich am nächsten Tag ein Referat halten. Die Schule, die ich besuche ist nämlich sehr christlich und es ist normal am Tag mehrmals zu beten. Daran musste ich mich auch erstmal gewöhnen, weil ich sowas aus Deutschland nicht kenne. Zu Anfang hatte ich auch  meine Probleme damit. Ich hab sogar daran gedacht die Schule zu wechseln aber nach drei Tagen war es schon normal gewesen und ich lernte  damit umzugehen. Später erklärte mir Josh, der einzige dunkelhäutige Junge in meiner Klasse, wie die Schule abläuft. Mit ihm war ich die erste Zeit viel unterwegs und er zeigte mir an den Wochenenden die Stadt und alle Sehenswürdigkeiten. Josh kommt ursprünglich aus dem Ghetto in Chicago und meint selber von sich, dass er ein “ Real-Nigger“ sei.

Im ersten Monat ist nicht viel passiert, außer, dass ich die anderen Austauschschüler in meiner Gegend kennen gelernt habe und wir alle zusammen für 2 Tage nach Chicago gefahren sind.

Das Einzige was mir in erster Zeit wirklich fehlt ist meine Familie, insbesondere das gute Essen meiner Mutter.

Fortsetzung folgt..

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