Der esidische Schöpfungsmythos II – Schöpfung der Erde und der Erzengel

Schöpfungsmythos - Quelle NASADer erste Teil des Schöp­fungsmythos handelte von der Entstehung des Seins, das vom Schöpfer-Gott Xweda durch eine Perle in Gang ge­setzt wurde. Mit der Explosion der Ur-Perle beginnt ein neues Stadium des esidischen Schöp­fungsmythos, an das hier ange­knüpft werden soll.

Der wichtigste Aspekt im Zu­sammenhang mit dem weite­ren Verlauf des Schöpfungs­mythos ist in diesem zweiten Stadium – Kosmogonie II – wohl die Schöpfung der Engel. Die esidische Lehre hat eine ausgeprägte Engelslehre, die sich insbesondere in der Be­deutung der Erzengel für die Welt und die Menschen zeigt. Auch das Kernprinzip der esi­dischen Religion wird durch den obersten Erzengel – Ta­wisî Melek – personifiziert. Der Aspekt der Liebe nimmt bereits wie zu Schöpfungsbeginn eine immer wiederkehrende und gewichtige Rolle ein. Weiterhin werden in diesem Stadium das Kherqe, der Weltenbaum, die Erde und schließlich das Hei­ligtum Laliş geschaffen.

Xerqe das Gewand Xwedas

Noch bevor die Fundamente der Erde, Himmel, Erde, Berge und Täler, Meere und Ozeane, die heiligen Persönlichkeiten und die Engel erschaffen wor­den sind, erschuf Xweda das sog. Xerqe 1, 2, 3,dt. Kherqe. Das Xerqe ist ein heiliges, religi­öses Gewand, das meist unter der Kleidung getragen wird. Es wird als „Kleid Xwedas4 (kurd. libasê /libsê Xwedê)“ und „Um­hang des Bekenntnisses5 “ be­zeichnet, das nur besondere Würdenträger tragen dürfen, die sog. Feqîrê, dt. esidische Asketen.

In den Qewls heißt es, dass Xweda aus der Liebe (auch als Glaube zu verstehen6) zuerst das Xerqe erschuf 7, was zum Symbol des Bekenntnisses zu Xweda geworden ist. Auch der heilige Șêxadî8 trug das Xer­qe. Noch heute wird während des Festes zu Ehren Șêxadîs, das sog. Cimaya Șêxadî, das Xerqe während des religiösen Tanzes Sema von einem Feqîr getragen, der die Zeremonie leitet (siehe Bild 1). Die Sema wird auch als Tanz der Engel bezeichnet.

Die Engel

Unmittelbar nach der Schöp­fung des Kherqe wurden die sieben esidischen Erzengel geschaffen9. Sie sind aus dem heiligen Licht des Schöpfer- Gottes hervorgebracht wor­den10,11,12. Die Frage, ob die En­gel nun aus dem Licht oder aus der Ur-Perle stammen, erübri­gt sich, da die Ur-Perle selbst auch aus dem Lichte Xwedas entstand. Es heißt, dass jeder Engel aus dem Lichte des an­deren hervorgebracht wurde13. Jedem der insgesamt 7 Erzen­gel ist ein Wochentag zugeord­net. Die Vorstellung einer hei­ligen Siebenschaft existierte bereits in der mythologischen Vorstellung der Babylonier und Sumerer, die später ihren Weg in die Religion der Zoroaster und schließlich ins Judentum, Christentum und von diesen in den Islam fand.

Wichtig ist hierbei der be­sondere Verweis darauf, dass die Engel aus dem Licht des Schöpfer-Gottes hervorge­bracht wurden, womit sie

Xerqe (by Eszter Spät)

Xerqe (by Eszter Spät)

ei­nen Teil Xwedas in sich tra­gen. Diese Eigenschaft wird als „Sira Milyaketa14“, dt. das Geheimnis der Engel, bezeich­net. Dieses „Sir“ meint unter anderem die Fähigkeit des freien Willens (Verstand), was in einer späteren Phase des Schöpfungsmythos von ent­scheidender Bedeutung sein wird.

Nach ihrer Erschaffung ver­pflichteten (einigten) sie sich (auf die) der „Wahrheit15“ und auf den Glauben bzw. die Lo­yalität gegenüber Xweda16. Als Wahrheit ist in den Qewls die Belehrung der Engel durch Xweda gemeint: Xweda mahnte die Engel, dass nur Er ihr Schöpfer und der Allmächti­ge sei, weshalb sie nur Ihn an­beten dürften. Der Grund die­ser Belehrung wird im dritten Teil des Schöpfungsmythos von großer Bedeutung sein. Desweiteren werden die weit­reichenden Kompetenzen der Engel nur durch ihre Einheit17 legitimiert. Die Erzengel halten aus Nächstenliebe18 stets zu­sammen . Aus dieser Einheit und der Liebe zueinander he­raus einigten sie sich zu einem späteren Zeitpunkt auf einen Führer19.

Weiterhin heißt es, dass Xwe­da zwischen sich und seinen Schöpfungen, hier zunächst die Engel, das kurd. „Perde (dt. Vorhang)“ gelegt hat. Es meint, dass niemand Xweda gesehen hat oder sehen kann20. In der esidischen Religion tragen die Erzengel einen Dies- und Jenseitsnamen (kurd. Dahir û Batin). Im Diesseits sind sie als heilige Persönlichkeiten zu den Esiden gekommen, um sie und ihre Religion zu bewahren und sie zu pflegen. Die Na­men21 und die Bedeutung22 der 7 Erzengel sind folgende:

1. Melek Ezrayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Nasirdîn gezeigt hat. Melek Ezrayîl trennt beim Tod eines Esidi die Seele vom Körper, weshalb er als „Meister des Messer“ be­zeichnet wird.

2. Melek Cibrayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Sicadîn gezeigt hat. Zusam­men mit Melek Ezrayîl spielt er die zweite Funktion beim Tod eines Esidi. Er überbringt die Botschaft Xwedas den Men­schen und hilft Melek Ezrayîl dabei, den Tod zu vollziehen.

3. Melek Mîkayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Fex­redîn gezeigt hat. Er ist der Schutzpatron aller Heiligen und der 72 Völker, womit alle Völker der Welt gemeint sind.

4. Melek Şifqayîl, auch Şemqayîl genannt, welcher sich in der Gestalt von Șêx Șemsedîn gezeigt hat. Er ist der Sonnenengel und für das Überleben zuständig, indem er die Strahlen der Sonne zur Erde befördert und die Men­schen so leben und sich von der Natur nähren können.

5. Melek Derdayîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Șêxûbekir gezeigt hat. Er ist für das ausgleichende Zu­sammenspiel von Erde und Himmel zuständig und wird als „mewla“, dt. Herr, bezeichnet.

6. Melek Esrafîl welcher sich in der Gestalt von Șêx Sin (Șêx Hesen) gezeigt hat. Er wird als „qelema îmanê“, dt. Schreiber der Überzeugung, bezeichnet. Es liegt an ihm, die Menschen von dem Bekenntnis zu Xweda zu überzeugen.

7. Melek Azazîl, der den be­deutenden Beinamen Tawisî Melek trägt und sich in der Ge­stalt von Șêx Adî gezeigt hat. Tawisî Melek ist der oberste Erzengel und deren Führer. Er nimmt eine herausragende Stellung innerhalb der esi­dischen Religionslehre ein. Er ist der Verwalter der Erde. Auf seine Bedeutung wird im drit­ten Teil intensiv eingegangen.

Es heißt, dass auch die Engel, insbesondere Tawisî Melek23, das Kherqe tragen24.

Der Weltenbaum Dara Herherê

Der Pilgerort der Engel, wo sie Xweda huldigen, ist der sog. „Weltenbaum (kurd. Dara Herherê)“ den der Schöpfer- Gott nach der Explosion der Perle erschaffen hat. Der Weltenbaum kann als spiritu­elles Spiegelbild des Heiligtum Laliş, dt. Lalisch, betrachtet werden, was das kosmische Zentrum bildet, während Laliş das irdische Zentrum ist. In diesem kosmischen Zentrum befindet sich auch der Thron des Schöpfers25. Auch diese Vorstellung ist auf die urme­sopotamische Mythologie zu­rückzuführen.

Weiterhin sind die Engel die Wächter der Himmelstore26.

Die Schöpfung der Erde

In einer esidischen Legende heißt es, dass aus dem Staub der Perle die Planeten und Galaxien entstanden sind. Die verschiedenen Schritte bei der Erdschöpfung aus der Vielzahl der heiligen Texte der Esiden zusammenzustellen und in eine chronologische Reihen­folge zu bringen, ist sehr kom­plex.

Bei der Schöpfung der Erde spielen die sieben Erzengel eine bedeutende Rolle. Nur durch ihre Einheit und ihre Loyalität zueinander und zu Xweda war es ihnen möglich, bei der Erdschöpfung mitzuwir­ken27,28.

In der spirituellen Welt exi­stierte ein unendliches Meer in dessen Zentrum [Weltenbaum] eine Perle, oft auch als Juwel bezeichnet, verborgen war29. Die Erzengel versammelten sich am Weltenbaum und Xwe­da sprach etwas Unbekanntes zur Perle bzw. zum Juwel30. Und er warf das Geheimnis Lie­be inmitten der Perle, woraus er Sonne und Mond schuf31, die die Augen Xwedas, also die sichtbaren Symbole Xwedas sind32,33. Auch schuf Er einen geheimen Kelch, kurd. Kas, der bei der Schöpfung wieder eine Rolle spielen sollte34.

Die/das Perle/Juwel zerbrach und wieder floss eine Unmenge an Wasser aus ihr35. Es war das Meer der Erde, die zu diesem Zeitpunkt noch dunkel36 war und weder Erde (Boden) noch Himmel existieren37. Das Meer war die weiße Quelle, die den Esiden heilig ist und als „Kanîya sipî“ bezeichnet wird. Die Erde war noch unbesiedelt, da tat sich ein Riss auf. Sie sollte nicht zur Ruhe kommen, ehe das Mysterium der Liebe auf sie herabkam38.

Xweda erteilte den Erzengeln den Auftrag, Erde und Himmel zu gestalten. Mit den Erzengel erschuf Xweda zunächst die 40 Sphären39. Die Engel dach­ten nach, wanderten auf dem Ozean der Erkenntnis und er­kannten, dass sie nur durch Einheit dazu in der Lage wa­ren40. Wie oft erwähnt, spielt der Begriff der Einheit (kurd. Ti­faq) eine bedeutende Rolle. In einem weiteren Qewl heißt es, dass die Menschen nur durch Einheit in der Lage sein wer­den, Fortschritte zu machen41.

Die Engel schufen schließ­lich die Erde und darüber den Himmel42. Befestigt wurden die Zentren des Himmels und der Erde mit dem Glauben (kurd. Bawerî) und die sieben Him­mel und Erden wurden auf dem Rücken des Ochsen und des Fisches (kurd. Gay û masî), d.h. der Erde und des Wassers, gelegt43.

Der Herr bestieg ein Schiff und mit vier Freunden fuhr er zu allen Himmelsrichtungen44. Mit der Liebe legte er die Him­melsrichtungen fest45. Danach warf Er „Havên (dt. Hefe)“ ins Meer, woraufhin Rauch empor stieg und die 7, an anderen Stellen 4046, Atmosphären des Himmels mit Hilfe der Engel erschaffen wurden47. Weiterhin schuf der Herr die „ 4 Elemente (kurd. Çar qismet)“, aus dem später sowohl die Natur als auch der Mensch geschaffen werden sollte48.

LALIŞ

Schöpfungsmythos - Keine QuelleDie Erde war nach 40 Jahren danach noch immer unruhig und der Schöpfer unzufrieden49. Er schuf im spirituellen Zentrum das Heiligtum Laliş, dt. La­lisch50. Nach 40 Jahren sandte der Herr Laliş von Oben51 zur Erde52. Als Laliş zur Erde kam, beruhigte sich die Erde und die ersten Sonnenstrahlen erreich­ten die Erde, woraufhin die Na­tur begann zu blühen53.

Dieser Tag war der Mittwoch54 und ist das Neujahr der Esiden, das sog. „Çarşema Sor (dt. Roter Mittwoch)“. Zugleich ist es der Tag des Tawisî Melek, in dessen Zeichen das Neujahrs­fest steht.

Der Herr fuhr weiter im Meer und blieb an der Stelle des Heiligtums Laliş stehen und sprach: „Dies ist der rechte Ort! (kurd. Heq, ev ware!)55“ . Er machte Laliş zum Zentrum/Na­bel der Erde56. Auch diese Vor­stellung existiere in Babylon, wo der Turm zu Babel nach der Vorstellung der Babylonier den Nabel der Welt bildete.

Da die Erde nun an Stabilität gewann, konnte die nächste Stufe des Schöpfungsmythos beginnen: die Schöpfung des Menschen.

Literaturhinweise

1 Qewlê Qere Ferqan, S. 7
2 Qewlê Xerqe, S. 3
3 Dua Zîyaretbûn, S. 1
4 Qewlê Xerqe, S. 1
5 Qewlê Îmanê, S. 5
6 Dua Bawerîyê, S. 7, R. 3
7 Qewlê Qere Ferqan, S. 7
8 Dua Êvarê, S. 8, 14
9 Qewlê zebûnî meksûr, S. 36, R. 2
10 Qewlê afirandina dinyayê, S. 17
11 Qewlê Xwedanan, S. 5, R. 1
12 Qewlê afirandina dinyayê, S. 18, R. 2
13 Qewlê Șêxûbekir
14 Qewlê Padșa, S. 5, 6
15 Qewlê Șêxûbekir, S. 21
16 Dua Bawerîyê, S. 12, R. 1
17 Dua Tifaqê, S. 4, R. 2
18 Dua Tifaqê, S. 4, R. 3
19 Dua Tifaqê, S. 6, R. 3
20 Qewlê Tawisî Melek
21 Dua Êvarê, S. 11
22 Pîr Xidir Silêman: Milyaket di ba werîya Ezîdiyan
23 Qewlê Xerqe, S. 1, R. 4
24 Dua Bawerîyê, S. 9, R. 2
25 Dua Ziyaretbûn, S. 10, 11
26 Dua Ziyaretbûn, S. 15, R. 2
27 Dua Ziyaretbûn, S. 3
28 Dua Bawerîyê, S. 12, 13
29 Qewlê zebûnî meksûr, S. 3, R. 1
30 Qewlê zebûnî meksûr, S. 24, R. 3
31 Qewlê afirandina dinyayê, S. 11
32 Dua Zîyaretbûnê, S. 5, R. 3
33 Qewlê zebûnî meskûr, S. 13, R. 3; S. 14, R1
34 Qewlê afirandina dinyayê, S. 7, R. 2
35 Qewlê zebûnî meksûr, S. 25, R. 2
36 Qewlê afirandina dinyayê, S. 1, R1.
37 Qewlê afirandina dinyayê, S. 2, R. 1, 2
38 Qewlê zebûnî meksûr, S. 31
39 Dua Bawerîyê, S. 12
40 Dua Bawerîyê, S. 13
41 Qewlê erd û esman i.V.m. Dua Tifaqê, S. 10
42 Dua Bawerîyê, S. 13; Dua Tifaqê, S. 11, R. 1
43 Dua Bawerîyê
44 Qewlê zebûnî meksûr, S. 25, R. 3 i.V.m. S. 26,
R. 1
45 Qewlê zebûnî meksûr, S. 21, R 2, 3
46 Dua Bawerîyê, S. 12
47 Qewlê zebûnî meksûr, S. 27
48 Qewlê afirandina dinyayê, S. 23, R. 5
49 Qewlê zebûnî meksûr, S. 24, R. 2
50 Qewlê zebûnî meksûr, S. 18, R. 2 & S. 19, R. 2
51 Qewlê afirandina dinyayê, S. 22, R. 1
52 Qewê zebûnî meksûr, S. 40
53 Qewlê zebûnî meksûr, S. 35
54 Qewlê afirandina dinyayê, S. 26, R. 3
55 Qewlê zebûnî meksûr, S. 26
56 Qewlê afirandina dinyayê, S. 16, R. 3

» von Hayrî Demir

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